...die digitale Revolution im Studio

Lesen Sie in diesem Artikel von Oliver Stein, wie die moderne, digitale Technik die Arbeitsweise im Studio revolutioniert hat - und welche Vorteile das für Sie hat!

Wie es einmal war...

...bevor Anfang der neunziger Jahre die digitalen Mehrspurrecorder oder kurz MDMs (Modular Digital Multitrackrecorder)(ALESIS ADAT und TASCAM DA88, ) auf den Markt kamen, waren digitale Aufnahmen den Top-Studios dieser Welt vorbehalten und damit gleichzeitig nur den wenigen Top-Künstlern zugänglich, deren Plattenfirmen die aberwitzigen Tagesraten dieser Studios bezahlen konnten.

Aber auch die Studios, die die hochwertigen analogen Mehrspur-Bandmaschinen verwendeten, waren für normale Musiker ohne Unterstützung einer Plattenfirma nicht erwschwinglich – alleine die Bandkosten konnten schnell in den vierstelligen Bereich springen, wenn eine Umfangreiche Aufnahme gemacht werden sollte. Zudem waren die Maschinen wartungsanfällig und damit im Unterhalt teuer – diese Betriebskosten wurden auf die Studio-Tarife umgelegt und daher waren die Stundensätze hoch – zu hoch für Amateur-Bands und andere Musikschaffende (Chöre, Orchester, Kapellen, Musikzüge etc.).


Im unteren Preisbereich kamen analoge Mehrspurformate zum Einsatz, die allesamt auf schmalen Magnetbändern analoge Aufnahmen abspeicherten – als extremes Beispiel kann man die Geräte nennen, die acht Spuren auf einer Kompakt-Kassette unterbrachten. Um das unerträgliche Rauschen in den Griff zu bekommen, wurden die Geräte mit dbx oder Dolby-S Rauschunterdrückungsverfahren ausgestattet – mit nicht unerheblichen Auswirkungen auf den Klang. An die Aufnahme mit 16, 24 oder gar 48 Spuren – und dies mit hoher Qualität – war schlichtweg nicht zu denken…

Die Revolution beginnt

…mit der Vorstellung der oben genannten MDMs – zuerst dem Alesis ADAT und wenig später dem Tascam DA88. Beide Geräte konnten auf einer speziell formatierten Video-Kassette (deren Preis im Vergleich zu den analogen Bändern als niedrig zu bezeichnen war) acht unabhängige Spuren in CD-Qualität (16 Bit Auflösung bei Abtastraten von 44,1 oder 48 kHz) aufnehmen. Das alleine war zu damaliger Zeit schon ein Quantensprung in der Qualität, aber es kam noch besser: die Geräte konnten mittels spezieller Kabelverbindungen miteinander synchronisiert werden – und zwar bis zu einer Gesamt-Spurzahl von damals schier unvorstellbaren 128 Spuren (16 Einzelgeräte a’ acht Spuren). Die Geräte kosteten damals ca. 6000 – 8500 DM und waren damit für viele potentielle Anwender in einem erreichbaren Preissegment angesiedelt – die digitale Revolution begann! Mehr und mehr Künstler und Studios setzten auf die neue Technologie und machten damit den etablierten Studios mächtig zu schaffen, da sie auf einmal qualitativ vergleichbare Mehrspuraufnahmen für einen Bruchteil des Preises anbieten konnten. Gleichzeitig waren viele Kunden vom Digital-Virus infiziert und buchten nur noch in Studios, die digital aufnahmen – wer weiterhin analoge Aufnahmen macht, war nicht hip!

Mit der Einführung der MDMs waren erstmals neuartige technische Möglichkeiten gegeben: so konnte z.B. ein einzelner Rekorder in einem Verbund von Geräten um einen festen Wert zeitlich versetzt werden – damit waren Dinge möglich, die in der heutigen Zeit täglich in jedem Studio (auf jedem technischen Niveau) durchgeführt werden, aber damals revolutionär neu waren: nehmen wir als Beispiel eine Mehrspuraufnahme einer Band – hier waren vielleicht acht Spuren dem Schlagzeug vorbehalten, während der Rest der Aufnahmen auf weiteren 8-16 Spuren untergebracht war. Der Schlagzeuger hatte die erste Strophe und den Refrain gut gespielt, danach aber mehrere Fehler „reingehauen“. Kein Problem – einfach die ersten guten Parts auf ein weiteres Band nach hinten kopieren (und diese digitalen Kopien waren ohne jeden Qualitätsverlust möglich) und fertig. Das gleiche galt für Gesang oder z.B. Gitarrentracks.


Ein MDM kommt nicht allein

Die digitalen Recorder zogen eine ganze Reihe von weiteren Entwicklungen hinter sich her – so stellten z.B. viele frischgebackene Digital-Studio-Besitzer fest, dass auf einmal das Rauschen des analogen Mischpults nicht mehr vom Rauschen des vormals analogen Recorders verdeckt wurde – es mussten also massenhaft neue Mischpulte angeschafft werden, die über eine besserer analoge Technik verfügten – in der Folge wurden von der Industrie viele analoge Mischpulte entwickelt, die genau auf den neuen Massenmarkt der digitalen Projekt-Studios mit ein bis vier MDMs zielten.

Es blieb freilich nicht bei den Mischpulten allein – auch die Mikrofone und sonstigen Soundquellen konnten ihre Schwächen nicht mehr verbergen und es setzte ein allgemeiner Trend hin zu besseren und günstigeren Geräten.


Vom Band auf die Festplatte…

Nachdem die MDMs einige Jahre ungehindert ihren technologischen Vorsprung geniessen konnten, ersetzten die Ingenieure die Video-Bänder irgendwann gegen Computer-Festplatten, die im Zuge der Computer-Revolution immer grösser, schneller und billiger wurden – und damit den MDMs langfristig den Todesstoss versetzten.

Heute gibt es sogenannte HD-Recorder, die 48 Spuren in Auflösungen von 24 Bit und Abtastraten von bis zu 192 kHz gleichzeitig aufzeichnen können. An diese Geräte kann ein Computermonitor, eine Maus und eine Tastatur angeschlossen werden und in jeder Spur nach belieben geschnitten, kopiert und sonst wie manipuliert werden.

Ähnliches ist heute auch auf jedem besseren PC möglich – die heute verfügbare Rechenleistung macht es möglich.

Besonders das computergestützte HD-Recording ermöglicht heute Arbeitstechniken, die den gesamten Aufnahmeprozess vereinfachen und verändern – Beispiele dazu später…


Digitale Mischpulte…

Der nächste Schritt war vorhersehbar: wenn bereits die einzelnen Spuren digital auf einem Band oder einer Festplatte vorlagen und das Endprodukt wieder ein digitales Medium wie die CD ist – warum dann für die Mischung zurück in die analoge Umgebung? Zunächst waren digitale Mischpulte sehr teuer und technisch nicht sonderlich ausgereift – gleichteure analoge Pulte klangen meist besser und waren vor allem besser zu bedienen. Aber auch hier reiften die Produkte heran und wurden gleichzeitig immer besser in der Audioqualität – und so überrascht es nicht, dass es heute digitale Mischpulte gibt, die auf relativ kleinem Raum viele Funktionen unterbringen, die früher ganze Wandschränke voll mit externen Prozessoren gefüllt haben. Standard ist heute eine vierbandige, vollparametrische Klangregelung in jedem Kanal, Kompressoren und Limiter sowie Noise-Gates sind ebenfalls oftmals in jedem Kanal zu finden. Die digitalen Konsolen bringen bereits eingebaute Effektgeräte mit sich – diese erreichen zwar nicht die Qualität der Top-Geräte in den Effektracks, aber sie erfüllen die meisten Brot-und-Butter-Aufgaben wie Delay, Chorus und Zweit-Hall zufrieden stellend.

Die Pulte verfügen über die vielfältigsten analogen und digitalen Anschlüsse und lassen sich damit sehr flexibel in nahezu alle Studio-Setups intergrieren. Nebenbei verfügen sie über Funktionen, die die Fernbedienung von MDMs oder HD-Recordern erlauben und werden damit zur Schaltzentrale im Studio. Aber ein Feature stellt die größte Neuerung dar…

Total Recall…

Die digitalen Pulte verfügen allesamt über die Möglichkeit, auf Knopfdruck beliebige Mischungen (oder auch Einstellungen) abzuspeichern und später mit ebenso einem Knopfdruck wieder herzustellen. Es ist also kein Problem mehr, an zwei oder drei Projekten gleichzeitig zu arbeiten oder auch innerhalb eines Songs verschiedene Mischungen anzuwenden. Sind diese sogenannten Snapshots (alle Einstellungen zu einem bestimmten Zeitpunkt werden abgespeichert) schon eine enorme Arbeitserleichterung, so ist es besonders eine Funktion, die immer noch zu dem berühmten „Kinnladen-Effekt“ führt – namentlich die dynamische Automation mit Motorfadern. Hierbei werden die Mischbewegungen während ein Musikstück abgespielt wird aufgezeichnet und später wiedergegeben – alle Bewegungen der Fader einzelner Kanäle werden wie von Geisterhand beliebig oft wiederholt. Dabei muss nicht jeder Kanal gleichzeitig bearbeitet werden – man kann sich Stück für Stück an das Endergebnis heranarbeiten und jede Faderbewegung im nachhinein verändern oder neu aufnehmen. Und nicht nur die Kanallautstärken können automatisiert werden – auch die Pan-Regler oder die EQs lassen sich dynamisch abspeichern. Hier tun sich Möglichkeiten auf, die vor noch wenigen Jahren völlig undenkbar waren…


Was bedeutet das alles für die Praxis?

Wer bis hierher mitgelesen hat, wird sich vielleicht ebendiese Frage stellen: was nützt mir das alles?

Die Kombination von digitaler Aufzeichnung, digitaler Mischung und digitalem Schnitt von Aufnahmen führt zu einer Vielzahl von Vorteilen für den Anwender:

Nehmen wir als Beispiel die CD-Aufnahme einer grösseren Gruppe von Amateur-Musikern – musste früher jedes Stück in einem Durchgang möglichst fehlerfrei eingespielt werden, ist es heute kein Problem mehr, in mehreren sogenannten Takes (=Abschnitten) einzuspielen – der Schnitt hinterher am Rechner ist unhörbar. Die gesamte Aufnahmequaltität bewegt sich dabei auf hohem Niveau und alle Bearbeitungen sind jederzeit reproduzierbar (z.B. wenn eine Mischung später noch verändert werden soll – ein Knopfdruck und das Projekt ist wieder auf dem Mischpult).

Fazit: heute sind Aufnahmen auf höchstem technischen Niveau (sowohl was Klang als auch Arbeitsweise angeht) möglich und dabei gleichzeitig noch bezahlbar. Die digitale Revolution hat es möglich gemacht…


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last updated: 29.10.2006